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Die Mondscheinsonate

Ich bin Celine, bin 29 Jahre alt und wohne in New York. Ich arbeite in einer kleinen Werbefirma und gemeinnützig gehe ich noch in eine kleine Einrichtung, wo ich Menschen betreue, die ein harten Schicksalsschlag hinter sich haben. Zu Hause in einem kleinen zwei Zimmer Apartment wartet jeden Tag mein schwarzer Kater Odin auf mich. Wenn ich von einem langen Tag heim komme, begrüßt er mich schon an der Eingangstür sitzend. Ich habe mein kleines Apartment mit sehr viel Nippes eingerichtet, wie meine beste Freundin Rachel immer meint, wenn sie mich besuchen kommt. Aber ich finde, das ich gar nicht soviel habe. Nach meinem Geschmack ist sie nicht nur hell, ordentlich und liebevoll eingerichtet sondern auch sehr gemütlich.

Wenn ich mich mit anderen jungen Frauen in New York vergleiche fällt mir schon auf, dass ich etwas anders bin. Ich habe keinen Freund und mir rennen auch die Männer nicht so hinterher, wie ich es bei Rachel wahrnehme. Ich bin sehr bodenständig und mit dem zufrieden was ich habe. Auf Partys und Konzerten trifft man auf mich sehr selten, denn ich mache mir nichts daraus. Lieber kuschel ich mich in mein cremefarbenen Zweisitzer und lese einen langen Roman. Dabei entspanne ich nicht nur, sondern flüchte mich oftmals in den Roman. Während ich lese läuft meist ein Stück von Beethoven in einer Pianoversion. Ja, ich höre Klassik, meiner Meinung nach drückt diese Art von Musik mehr Gefühl aus, als die Musik die in den Diskotheken gespielt wird.

Auch auf Arbeit bin ich eher das klassische Mauerblümchen, ich arbeite meist länger und intensiver. Einige Kollegen, die mich kennen, verstehen nicht, wieso mich der Chef nicht schon längst befördert hat. Aber ich glaube er weiß genau, dass ich meine Position liebe und auch nicht der Typ Mensch bin, der anderen sagt welche Arbeit sie zu verrichten haben. Klar, ich habe das Potenzial die Abteilung zu leiten und meist mache ich schon die organisatorischen Sachen, arbeite für Präsentationen vor und plane neue Projekte schon einmal. Doch ist das Leiten einer ganzen Abteilung, doch etwas zu groß für mich. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich nicht wie Amber, den Modellmaßstab habe, sondern um einiges kurviger bin. Dennoch fühle ich mich in meiner Haut wohl.
Wenn man sich mein Leben so betrachtet, könnte man meinen das in mir doch einiges mehr steckt und ich mehr aus meinen Leben machen könnte. Doch bin ich mit dem, wie es ist, zufrieden. Zumal scheint es so. Denn ich helfe gern anderen Menschen, die Hilfe benötigen, egal ob im Job oder bei der Einrichtung. Ich liebe meinen Job, denn da kann ich kreativ an Sachen arbeiten. Ich brauche auch niemanden , der meine geliebte Ordnung in meinem kleinen Reich verschiebt. So habe ich auch lieber nur wenige Freunde, die mir aber mit allem helfen, als 100 und darunter keiner für mich da ist, wenn es mir schlecht geht. Nun habt ihr ein kleinen Einblick in mein, für manche doch sehr langweiliges Leben, was mich zufrieden macht. Ihr fragt euch sicherlich, wieso ich euch das alles erzähle und immer wieder betone, dass es mir gut geht. Tja das liegt vielleicht daran, dass ich selbst nicht gemerkt hatte, dass ich alles andere als glücklich, tief in mir, war. Ich musste erst eine Erfahrung machen, bevor ich verstand was eigentlich mit mir los war.

Es war an einem sonnigen Frühlingstag, die Bäume begonnen die ersten Knospen zu tragen, der Wind wurde milder und die ersten Sonnenstrahlen wärmten die Haut. Die Vögel begannen wieder mit ihren freudigen Gezwitscher und man konnte merklich spüren, dass jeder mehr Glückshormone versprühte. Insgemein wusste man, dass die Tage die grau in grau waren, sich so langsam dem Ende neigte und es immer mehr Tage mit der Sonne geben würde. Ich hatte mir an diesem Tag vorgenommen, dass ich nach meiner gemeinnützigen Arbeit noch etwas von den Sonnenstrahlen im Central Park erhaschen wollte. Doch es würde dauern, denn auch wenn das Wetter friedlich schien und die Stimmung schon allein hob, so gab es dennoch viele Menschen, die verzweifelt mit ansahen, wie andere ihr Glück genossen und dabei schmerzlichst an ihre Verluste erinnert wurden. Kurz bevor meine Schicht schon wieder zu Ende war, kam eine junge Frau. In ihrem Gesicht konnte man unschwer erkennen, dass sie kein leichtes Leben hinter sich hatte. Wir begannen mit einem kleinen Smalltalk und man merkt wie die anfängliche Anspannung und die Zweifel, ob sie hier richtig war, langsam nachließen. So schüttete sie mir ihr Herz aus. Ich hörte ihr genau zu und immer mehr wurde mir bewusst, wie schwer sie es gehabt haben musste. Sie war kaum vier Jahre jünger als ich, doch hatte sie schon mehr durchleben müssen, was man selbst mit 80 nicht so ohne weiteres gemeistert hätte. Die junge Frau tat mir leid, doch ich durfte jetzt auch nicht unprofessionell werden. Nachdem sie ihr Herz mir ausgeschüttet hatte und ich nun ihre Lebensgeschichte, ihren Schmerz, ihre Trauer, ihre Wut kennen gelernt habe, ging ich mit ihr die Möglichkeiten durch wie sie ihr junges Leben wieder in den Griff bekommen würde.
Nach über einer Stunde mit der jungen Frau, konnte man sehen, dass es ihr schon etwas besser ging und sie mit einem kleinen Hoffnungsschimmer die Einrichtung verließ. So packte ich auch meine Sachen zusammen, steckte mir die Kopfhörer meines MP3 Players in die Ohren und ließ die Musik über mich herabregnen. Nachdem ich mich überall verabschiedet hatte, machte ich mich in Richtung des Central Parks auf. Dort ruhte ich mich auf einer Bank aus und begann einen neuen Roman zu lesen, denn ich mir erst vor wenigen Tagen gekauft hatte. Die ersten Seiten verschlang ich und ich merkte noch nicht einmal wie die Zeit verflog, als ich nun da saß und las. Ich war in einer anderen Welt. Erst als der Wind kühler wurde und die Wärme der Sonnenstrahlen nachließ, schaute ich auf die Uhr. Als ich sah, dass es kurz vor sechs Uhr abends war, packte ich alles zusammen und machte mich wieder auf den Weg nach Hause.

Immer noch hatte ich Beethoven auf meinen Ohren und alles schien plötzlich um mich herum nicht mehr so hektisch und stressig zu wirken. Ich schaute gegen den Himmel für einen kurzen Moment und erfreute mich an den strahlend blauen Himmel, wo kleine Wolken vorbeizogen und immer wieder durch die Sonnenstrahlen in ein warmes Licht getaucht wurden. In mir war es so unglaublich ruhig und entspannt. Ich fühlte nur noch reines Glück und Frieden. Ich war mit mir selbst im Einklang, so ein Gefühl hatte ich bis dahin noch nie verspürt. So weiß ich auch nicht, wieso ich nicht stehen geblieben bin, ich lief einfach weiter und schloss dabei meine Augen. Viele von euch werden jetzt sagen, die Frau ist doch lebensmüde. Doch in diesem Moment hatte ich alles um mich herum weg gesperrt, es gab nur noch mich, die Mondscheinsonate und den Himmel. Als ich meine Augen geschlossen hatte, sah ich eine weite, unberührte Berglandschaft, einen klaren blauen Himmel und ein helles Licht was immer näher kam.
Ich blieb stehen, um diesen Moment zu Genießen. Hoffte ich darauf wenn ich meine Augen öffnen würde, dass ich genau an diesem Ort stehen Würde. Ich öffnete meine Augen und stand mitten auf der Hauptstraße und sah noch ein rotes Auto, dessen Scheinwerfer mich blendeten. Mein Mund öffnete sich, doch es kam nichts heraus. Es war still und auch die letzte Note der Sonate verstummte, als ich auf den Boden aufschlug. Es wurde dunkel und es schien so als würden die Grenzen meines Körpers verschwimmen. Ich wusste, dass ich sehr großes Glück haben muss, um das zu überstehen. In diesem Augenblick des Aufpralls sah ich mein Leben noch einmal gedanklich an mir vorziehen. Ich sah wie ich Tag für Tag nicht nur in der Schule und auf der Uni gemobbt wurde, nein auch auf Arbeit hatte ich das gleiche Szenario. Mir wurde schlagartig bewusst, dass ich nur gab und niemals etwas zurück bekam, von den Menschen. Meine Eltern hatten Recht, ich war ein Taugenichts, ich war es nicht wert hier am Leben zu sein. All diese verborgenen und tief schlummernden Zweifel, an mir, kamen geballt hoch und raubten mir den Atem. Es war so als würde mir jemand ein Kissen aufs Gesicht drücken.

Dann spürte ich Leere und gefolgt von diesem unglaublichen Frieden wieder. Ich hatte das Verlangen und den Wunsch das ich niemals mehr wieder aufwachen würde. Das alles nun vorbei sei. Das ich endlich meinen Frieden gefunden habe. Ich wollte nicht mehr in diese ungerechte, laute, schmutzige und unfaire Welt hinaus. Ich war bereit zu gehen. Bereit all das hinter mir zu lassen. Mich um nichts mehr Sorgen machen zu müssen.
Es vergingen mehrere Monate, die ich im Krankenhaus verbringen musste. Das Auto hatte mich überrollt, doch ich hatte, wie der Arzt streng meinte, sehr viel Glück gehabt. Sie mussten mich mehrfach operieren und ich war einige Wochen im Koma. So musste ich danach wieder einiges lernen. Von dem Aufprall hatte ich mehrere Rippenbrüche, zwei hatten sich in die Lunge gebohrt. Mein linker Oberschenkel war dreifach gebrochen, ich hatte unzählige Prellungen und innere Blutungen. Doch dank Sams schnelle Hilfe, hatte ich überlebt. Er war bei dem Unfall direkt in der Nähe und als ausgebildeter Sanitäter wusste er was getan werden musste. Sam kam jeden zweiten Tag vorbei, um zu schauen wie es mir ging. Er gab mir die Unterstützung, die ich brauchte, als ich einen Anflug von Depressionen bekam, weil es nicht vorwärts mit meiner Reha ging.

Langsam glaubte ich das Sam mein Schutzengel war, denn er war da, als ich eigentlich mich schon aufgegeben hatte. Er war der Engel, der zu mir kam und mich aus einem tiefes Loch gezogen hat. Denn als ich wieder bei mir zu hause war, schlug ich den letzten Roman auf, den ich gelesen hatte. Ganz hinten bei der letzten Seite, hatte ich ein Brief versteckt. Das war mein Abschiedsbrief. Ich wollte an diesem Frühlingstag sterben. Alles hinter mir lassen. Denn auch wenn ich gelacht hatte, wenn man dachte, dass es mir gut ging, war es nicht so. Ich hatte immer nur eine Maske auf, denn niemand sollte meine Verletzlichkeit sehen. Ich legte den Brief auf meinen Schreibtisch und nahm mein Handy. Meine Finger switchen über das Display und wählten die Nummer meines Chefs. Als er abnahm sagte ich ihm alles, was ich die Zeit vor dem Unfall alles hinunter geschluckt hatte und kündigte. Ohne seine Reaktion abzuwarten legte ich einfach auf.
Danach rief ich meine Eltern an und sagte auch ihnen was ich von ihrer Erziehung hielt. Es war wie ein Befreiungsschlag. Zufrieden ließ ich mich auf das Sofa nieder und atmete tief ein und aus. Da klingelte es an der Tür. Es war Sam, er hatte mir gesagt das er, nach seiner Schicht vorbeikommen wollte. Ich ließ ihn rein und umarmte ihn einfach still, als er vor mir stand. Er fragte mich wofür das sei und ich entgegnete ihm nur das ich dankbar bin, dass er in mein Leben kam, als ich jemand wie ihn so dringend brauchte. Als wir uns setzten gab ich ihm meinen Abschiedsbrief. Danach redeten wir lang und ausführlich.

Ja, wenn ich heute so darüber nachdenke, war es mein größter Fehler meine Probleme hinten anzustellen. Versuchen alles zu ertragen und hinzunehmen. Ich bin froh, dass ich es überlebt habe und ich bin froh das ich meinen Schutzengel, Mann und Vater meines Sohnes kennen gelernt habe. Ach ja falls ihr euch fragt was ich nun beruflich mache, ich bin immer noch in der Werbebranche tätig. Nur habe ich nach meiner Kündigung meine eigene Firma gegründet und unterstütze damit auch soziale Projekte.
Also ihr seht, manchmal kann auch der glücklichste Mensch, ein tiefes und dunkles Geheimnis in sich tragen. Deswegen wegt genau ab, was ihr einen Menschen antut. Denn es könnte ja sein, dass er sich einfach so morgen nicht mehr zur Arbeit kommt, weil er sich umgebracht hat.

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