In Arkwood erloschen langsam die Lichter in den Häusern und nur die Straßenlaternen und die Scheinwerfer der letzten Autos, die durch die Straßen fuhren waren die einzigen Lichtquellen in dieser stürmischen Nacht. Doch etwas Abseits auf dem letzten Grundstück des südlichen Stadtteils von Arkwood, in einem großen, alten Herrenhaus brannte in einem der vielen Zimmer noch immer ein Licht. Das Anwesen gehörte dem Bürgermeister und Rudelsführer dieser Stadt. Während draußen der Sturm wütete und die Baumkronen, des angrenzenden Waldes tanzen ließ, saß er noch immer im Büro.
Chase
In meiner Stadt Arkwood ging etwas vor sich was meine engsten Vertrauten im Rudel und mich beunruhigten. Wir hatten in den letzten Wochen vermehrte Angriffe und nun sogar Todesfälle zu verzeichnen. Wir waren ein keines Städtchen was tief in einem Wald lebte und eher unauffällig war. Daher waren wir uns eigentlich fast schon sicher, dass es keiner von Außerhalb sein konnte. Und doch konnte ich diesen Gedanken nicht ganz verwerfen. Denn für mich ergab es einfach keinen Sinn, dass plötzlich ein Mitglied meines Rudels, sich in einen Blutrausch stürzte. Wenn es zu Meinungsverschiedenheiten kam, dann regelten wir das so wie es unsere Ahnen getan haben. Wir versammelten uns und trugen es in unserer zweiten Gestalt aus. Nicht das dieses Problem schon reichte, um mir die Nerven zu rauben. Standen wir kurz vor einem der wichtigsten Zeremonien unseres Rudels. Auch wenn ich die Vorbereitungen größtenteils einer meiner Untergebenen aus dem engsten Kreis delegieren konnte, aber dennoch blieb soviel an mir selbst hängen. In den letzten Tagen, gefühlt kam es mir wie Monate vor, war ich fast 24 Stunden im Büro. Langsam fühlte ich mich eingesperrt und ausgelaugt.
Ich rieb mir durch die Augen und schaute auf die alte Standuhr, die gegenüber meines Schreibtisches stand. Es war schon wieder weit nach Mitternacht und ich war noch immer hier und keinen Schritt weiter. Auf meinem Bildschirm flackerten die Bilder der letzten fünf Tatorte von den Überfällen. Nichts an den Bildern, Aussagen oder den Tatorten selbst gab einen Sinn oder eine kleine Verbindung. Alles wirkte willkürlich und nicht zusammenhängend. Wenn ich nicht bald Ergebnisse vorbrachte, würde es stark an meiner Position des Rudels kratzen. Es musste etwas geben, was übersah ich denn immer. Die Müdigkeit der letzten Tage nagte an mir, mein Körper deutete mir mehr als deutlich an, dass ich doch heute etwas mehr als nur drei Stunden Schlaf bekomme. Das Licht des Monitors brannte in meinen Augen, als ich von einem Nebel aus Vanille mit einer leichten Spur Moschus umhüllt wurde. Mir kam es so vor, als würde mich jemand an meiner rechten Schulter berühren und für den Bruchteil einer Sekunde fühlte ich mich frei von allen Sorgen. So plötzlich wie ich die Berührung gespürt hatte, so schnell war sie auch wieder verschwunden. Das einzige was blieb war der Duft, der den ganzen Raum zu füllen schien. Etwas so intensives hatte ich noch nie gespürt und gefühlt.
Ich dachte es sei Zyraura die Göttin des Mondes. Unsere heiligste Priesterin. Doch es war etwas anderes, etwas was mich diesen Gedanken wieder verwerfen ließ. Vielleicht war es auch nur der Gedanke, dass es sich doch anders anfühlen müsste, wenn eine Gottheit zu einem kommt. Meine Lungen füllten sich mit jedem Atemzug mit dem Duft von Vanille und brachte mein Blut in den Venen in Wallung. Der Drang nach draußen in meine zweite Gestalt zu gehen wurde immer stärker, sodass ich ihr versprach noch vor der Arbeit durch den Wald zu streifen. Ich schloss für einen Moment die Augen und ich konnte das nasse Laub unter meinen Füßen spüren, die frische Luft und die Ruhe. Mit diesen Gedanken machte ich den PC aus und ging in meine Gemächer. Die Bilder der Tatorte würde auch noch später auf mich warten. In meinen Träumen jagte ich etwas hinter her, es hatte Amethystfarbene Augen. Doch die Gestalt an sich blieb im Schleier des Traumes verborgen. Das einzige was blieb war der Drang und dieser Duft. Der Duft von Moschus, der auf Vanille trifft und sie miteinander tanzen. Dieser Duft war nur schwer wieder los zu werden. Auch wenn ich es tief in mir nicht wollte. Den Grund kannte ich jedoch nicht.
Am nächsten Morgen stand ich etwas erholter auf als die Tage zuvor auf. Mein innerer Wolf erinnerte mich an mein Versprechen, was ich ihm des nachts gab. So zog ich mir nur eine bequeme schwarze, gerade laufende Jogginghose, ein passendes Muskelshirt an und meine Laufschuhe. Mit der Vorfreude auf dem Part im Wald in meinem Gang, kam ich die Treppe hinunter, als ich auf Darwin stieß. Er war mein Beta. Sein fragender und besorgter Blick traf mich hart, denn ich wusste was nun folgen würde. "Sire, ihr wollt doch nicht etwa laufen gehen. Ihr wisst doch das es gefährlich ist." Darwin hatte den nötigen Respekt mir gegenüber, aber er war auch in mancher Hinsicht wie eine übervorsichtige Mutter. Mit einem dominierenden Lächeln teilte ich ihm unmissverständlich mit, dass ich allein laufen gehen würde. Dabei hatte meine Stimme heute noch etwas mehr Bass als sonst drin, sodass die Wörter schon fast vibrierten. Darwin verbeugte sich tief und ließ mich ohne ein weiteres Wort gehen. Er konnte die Angespanntheit meines Körpers spüren und der wilde Drang in den Wald laufen zu gehen.
Ich nahm den hinteren Ausgang, der direkt in den Wald führte. Am Rand des Waldes zog ich mein Laufschuhe aus, um den feuchten, weichen Waldboden an meinen Füßen direkt zu spüren. Um die direkte Verbindung mit dem Wald zu haben. Nach einem Augenblick der Schärfung der Sinne und dem freudigen Jaulens meines Wolfes rannte ich los. Immer tiefer in den Wald. Über Baumstümpfe oder umgestürzte Bäume, durch Farne und Büsche. Der Übergang zwischen meiner menschlichen Gestalt und der meines Wolfes, war während des Laufens fließend. So war ich nach kurzer Zeit in meiner animalischen Gestalt und streifte von meinem Instinkt geleitet durch die Wälder. Meinem Wolf machte es Spaß den Hasen einen kleinen Schrecken zu bereiten und ihn zu jagen. Ein kleiner grau melierter Hase lief vor mir panisch weg, als ich tief im Wald war. Ich jagte ihm nach, ohne wirklich darauf zu achten, wo genau ich war. Da ich den Wald wie meine Westentasche kannte, waren solche kleine Spielchen durchaus befreiend, um den Kopf wieder klar zu bekommen. Ich ließ dem Häschen immer einen kleinen Vorsprung. Holte dann wieder auf, um es danach wieder leicht aus den Augen zu verlieren. Doch plötzlich erregte etwas anderes meine Aufmerksamkeit.
Ein Geruch breitete sich in meiner Nase aus. Umschloss meine Sinne. Dieser Geruch war vertraut. Doch ich konnte es nicht richtig einordnen. So ließ ich nun ganz von dem Hasen ab und begab mich auf die Suche nach dem Ursprung des Duftes. Ich musste immer näher kommen, denn er wurde immer intensiver. Jedoch sah ich nichts. Außer einen Fluss und am anderen Ende den Wald. Doch hier am Fluss war der Duft am stärksten. Ich beschloss etwas zu trinken und schaute mir dabei die Umgebung genau an. Nichts schien unwirklich und unpassend zu sein. Und doch wusste ich das hier etwas sein musste. Mein Wolf blieb noch etwas mit den Vorderpfoten im Wasser stehen, dabei den Blick fest auf die andere Seite geheftet. Wir hätten noch eine Ewigkeit so stehen können, doch wir mussten zurück. Ich musste zurück. Die Pflichten als Bürgermeister und Alpha warteten schon auf mich. So ging ich widerwillig aus dem Wasser und Richtung Stadt. Doch bevor ich vollkommen zurück lief, drehte ich mich noch einmal um. Vielleicht war es nur die leise Hoffnung, dass ich doch sehen würde wem dieser Duft gehörte. Es hatte sich an der Stelle nichts verändert.
Ich lief zu meinem Anwesen zurück und beschloss für mich nach dem ich mich frisch gemacht hatte, dass ich in die Stadt in mein Lieblings Café gehen würde. Dabei war es mir egal was Darwin davon halten würde. Ich brauchte momentan etwas Normalität in meinem Terminkalender, aber auch in meinem Leben. Bevor ich unter meine Regendusche ging schrieb ich Darwin eine Nachricht, dass sich die Termine alle um eine Stunde nach hinten verlegen würden und das nach der Besprechung des Rudels um 20 Uhr alle weiteren Termine zu streichen wären. Ich brauchte diese Auszeit dringend. Dies wurde mir erst richtig unter der Dusche, während mein Körper mit dem heißen Wasser umhüllt wurde, klar. Ich war erschöpft und ausgelaugt. Dabei lag es noch nicht einmal so sehr daran, dass es jetzt vermehrt zu diesen Taten kam. Oder daran das das große Fest zu Ehren Zyraura sich näherte und alles vorbereitet werden musste. Vielmehr lag es auch daran, dass das Rudel an meiner Seite sich eine Luna wünschte und die Tradition dieses von mir eigentlich schon vor vier Jahren verlangt hatte. Aber irgendwie schien keine Frau, diesen Platz in meinen Augen füllen zu können. Mit jedem Fest stieg der Druck immer mehr, eine geeignete Partnerin zu finden, auch wenn ich nicht über mangelnde Angebote klagen könnte. Eher waren es mir zu viele.
Ich nahm mein Dodge Challenger und fuhr Richtung Stadtmitte. Es war eine Ewigkeit her, dass ich in einem Cafe war um mir ein Red Eye Kaffee zu holen. Innerlich freute ich mich, darauf und vergaß für einen kurzen Moment welche Verantwortung auf meinen Schultern lastet. Einen Augenblick lang, als ich unterwegs war, dachte ich mir, dass es vielleicht nun doch an der Zeit wäre eine Luna für mich zu finden. Aber wo sollte ich da nur anfangen zu suchen. Schließlich hatte ich ja noch nicht einmal eine genaue Vorstellung was sie mitbringen oder ausmachen sollte. Wie sollte ich da eine Partnerin finden. Im Cafe angekommen, wurde ich von den ersten Gästen erkannt und die ersten weiblichen Individuum versuchten vergebens mich anzuflirten. Viele ließen mich vor, sodass ich nicht lange warten musste und meine Bestellung abgeben konnte. Während ich auf meinem Red Eye wartete, schweifte mein Blick durch das kleine Cafe. Die Kellnerin brauchte zwei Anläufe, um mich wieder in das hier und jetzt zu befördern. Ich nahm meinen Becher und ging Richtung Ausgang, als mir wieder das bezaubernde Duft von Vanille und Moschus einhüllte.
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